Kevin Rudd interview with Handelsblatt on the Trump-Kim summit (German language)

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This article originally appeared in Handelsblatt on 12 June 2018.

“Trump hat ein großes politisches und diplomatisches Spiel gewagt”

Der frühere australische Ministerpräsident einen Paradigmenwechsel durch den Gipfel zwischen Trump und Kim für möglich. Es brauche jedoch einen Plan B.

By Martin Kölling

Singapur. Kevin Rudd war australischer Ministerpräsident und Außenminister. Nun beschäftigt er sich als Chef des Thinktanks der renommierten amerikanischen Asia Society mit globalen Sicherheitsfragen.

Herr Rudd, viele Experten reagieren enttäuscht auf den Mangel an Ergebnissen beim Treffen von Donald Trump und Kim Jong Un.
Die Wahrheit ist, dass es sich um den Beginn eines Paradigmenwechsels handelt, weil die bilateralen Beziehung auftauen. Und sobald ein solcher Prozess läuft, werden Dinge möglich. Allerdings wissen wir nicht, ob dies ein dauerhafter Wandel ist.

Wie ernst ist es Kim Jong Un, seine Atomwaffen abzuschaffen?
Wir haben das Recht, skeptisch zu sein. Aber wir sollten unserer Skepsis nicht erlauben, die Möglichkeit für eine grundlegende Veränderungauszublenden.

Ist die Erwartung einer einseitigen Denuklearisierung realistisch?
Die Antwort hängt vom Bündel an breiteren Sicherheitsvereinbarungen und -garantien ab. Es dauert beträchtliche Zeit, sie aufzubauen. Und es hängt von Kims Einschätzung ab, wie zuverlässig die Sicherheitsgarantien sind. Wir wissen es noch nicht.

Kann man Kim überhaupt vertrauen? 
Der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan sagte: Vertraue und überprüfe. Wir stehen bisher noch nicht einmal am Beginn der Verifizierung.

Aber Trump hat angekündigt, dass bald Personal der USA und internationaler Organisationen in Nordkorea sein würde.
Und er hat angedeutet, dass er die Maßnahmen für Verifizierungen mit Kim diskutiert hat. Doch diese sind noch Teil der Verhandlungen. Und realistischerweise kommt so etwas in diplomatischen Verhandlungen eher später als früher.

Gibt es trotzdem schon Auswirkungen auf die geopolitische Lage? 
Die Dynamik in Richtung Konflikt, die bis Januar dieses Jahres deutlich war, hat sich umgekehrt. Das ist eine gute Entwicklung. Außerdem werden die Chinesen die Ergebnisse gutheißen. Denn sie haben schon lange eher für Verhandlungen statt Konflikt argumentiert. Daher wird dies auch positiv für die Beziehungen zwischen China und den USA sein. Und drittens ist es auch ein guter Faktor in den Beziehungen der USA mit Südkorea.

Einige Experten sagen, dass eine Annäherung Nordkoreas an die USA die Position Chinas schwächen könnte.
Nun ja. Erstens wollen die Chinesen keinen Krieg auf der koreanischen Halbinsel. Zweitens wollen sie ein Abkommen, dessen Ergebnis die US-Truppen aus Südkorea entfernt. Drittens wollen sie kein vereintes Korea an ihrer Grenze. Sie werden zufrieden mit dem Ergebnis der Verhandlungen sein. Außerdem: Positive Verhandlungen würden den USA künftig einen Einfluss auf Nordkorea geben. Aber ich denke nicht, dass die USA aus Nordkoreas Sicht jemals ein Ersatz für China sein könnten.

Wie sieht es mit den Risiken aus?
Wir brauchen geopolitisch einen Plan B für ein Scheitern der Verhandlungen. Es wird dann sehr schwierig, einfach zu den früheren Verhaltensweisen zurückzukehren. Außerdem habe ich die Sorge, dass die Südkoreaner die Amerikaner für ein mögliches Scheitern beschuldigen könnten. In dem Fall würden wir längerfristig einen Riss zwischen Südkorea und den USA sehen.

Was sind dann die größten Herausforderungen?
Die komplizierteste Frage ist, wo man mit der kompletten, überprüfbaren, unumkehrbaren Abwicklung beginnen soll. Das sind die vier Elemente der US-Forderung. Startet man mit dem vorhandenen radioaktiven Material und den schon fertigen Atombomben? Oder mit der atomaren Lieferkette? Ich denke, es wäre am intelligentesten, mit den Raketen zu beginnen, da sie die Sicherheitsinteressen der USA berühren.

Wie kann das ablaufen?
Der logische Startpunkt wären Interkontinentalraketen, die auf die USA zielen. Dann würden Mittel- und Kurzstreckenraketen folgen, dann nukleares Material und dann der Rest der Nachschubkette. Jeder Schritt erfordert seine eigene, komplexe Verifizierung.

Wie viel Anerkennung gebührt Trump?
Ich denke, er hat ein großes politisches und diplomatisches Spiel gewagt. Fairerweise muss man sagen, dass ohne Trumps Führungsstil dieser Gipfel wahrscheinlich nicht stattgefunden hätte. Er steht nicht im Handbuch der westlichen Diplomatie. Dies ist reine Trump-Diplomatie. Es gibt ein Risiko. Aber möglicherweise kennt Trump das Risiko und hat sich entschieden, es drauf ankommen zu lassen.

Herr Rudd, vielen Dank für das Gespräch.